MEXIKO

Erfahrungsbericht

Ort der Geborgenheit: Centro el Recobro

Bewohnerin zeigt stolz ihre Bibel

Als Obdachlose hätten sie kaum eine Überlebenschance gehabt. Seit fast 30 Jahren holen Rosilia Ruíz Gera und ihr Team Kinder mit geistiger Behinderung von der Straße. Mitarbeiter der mexikanischen Bibel Liga besuchten das ‚Centro el Recobro‘.

Rosilia erzählt uns von den bescheidenen Anfängen. Und dass ihre eigenen Kinder sich anfangs schwer damit taten, wenn sie kranke und behinderte Kinder mit nach Hause brachte. „Sie beschwerten sich. Aber ich hörte nicht darauf.“ Trotzdem: Als das Haus immer voller wurde, musste Rosilia mit ihren Kindern reden: „Ich erzählte ihnen von meiner Vision. Und davon, dass alle diese Kinder von Gott geschickte Kinder sind. Es dauerte etwas, bis sie das verstanden.“

Aber schließlich halfen Rosilias Kinder auch mit und kümmerten sich um die behinderten Mädchen. „Meine Familie war und ist mein erstes Team“, erzählt die heute 57-Jährige, selbst schwer Erkrankte. Aber auch viele andere Christen kamen, um mitzuhelfen. Auf den Rat einer Notarsgehilfin hin ließ Rosilia ihren Dienst registrieren und eröffnete das heutige Lebenszentrum für geistig behinderte Obdachlose. Ihr Dienst wuchs und wurde in der Stadt bekannt.

Die Riesen-Bibel

Vor einigen Jahren entstand der Kontakt zu einer Mitarbeiterin der Bibel Liga. Sie brachte Essen und erzählte dabei vom Philippus-Bibelkurs und der leicht lesbaren spanischen Bibelübersetzung mit kurzen einfachen Sätzen. „Ich war sofort interessiert“, strahlt Rosilia, „ich spürte, das ergänzt unseren Dienst.“

Also machte ihr Sohn Jose eine Ausbildung zum Bibelkursleiter. Seitdem versammeln sich die Mädchen regelmäßig im Zentrum. Es gibt einen Gottesdienst mit Gebet und eine Lektion aus dem Philippus-Bibelkurs. Vorgelesen wird aus der „Riesen-Bibel“. Auf unseren fragenden Gesichtsausdruck hin bringt uns Jose das stattliche Exemplar: Es ist eine vergrößerte und gebundene Fotokopie der spanischen ‚Leicht-Lese‘-Übersetzung. Jose erklärt uns, dass viele Frauen im Zentrum schlecht sehen. Rosilia hält stolz die Maxi-Ausgabe hoch: „Die Mädchen lieben ihre Riesen-Bibel“. 

Die "Riesen-Bibel"

Faszinierender Gruppenzusammenhalt

Rosalia hat uns eingeladen, an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen. Die Frauen und Mädchen haben sich in dem großen, bunt gestrichenen Speise- und Aktivitätsraum versammelt. Der Bibeltext der heutigen Lektion wird aus der Riesen-Bibel vorgelesen und zusätzlich zum Auswendiglernen auf eine Tafel geschrieben. Alle sind fein herausgeputzt und nehmen in kleinen Gruppen an runden Tischen Platz, wo ein Moderator Bibeln und Studienhefte bereithält.

Der Grad der Behinderung ist bei den Mädchen und Frauen ganz unterschiedlich. Manche sind nur leicht eingeschränkt. Andere haben schwere Behinderungen. Uns fasziniert der Gruppenzusammenhalt. Die weniger behinderten Bewohner umsorgen die anderen. Betreuer und Betreuter – die Grenzen scheinen fließend zu sein. Einige der Frauen blicken uns fröhlich an, kommen auf uns zu und geben uns auch mal eine Umarmung oder einen Kuss auf die Wange.

Als alle stehen um Gott anzubeten und ihre Hände dabei heben, ist in dem Raum eine ganz besondere Atmosphäre spürbar. Wir sind tief beeindruckt. Später darauf angesprochen meint Rosilia: „Wir haben hier eine machtvolle Armee von Frauen, die Gott anbeten. Wir sind wie die Urgemeinde, unterstützen und helfen einander.“

Geistig Behinderte beten für Regierungsbeamte

Aber die Bibelkurse bewirken noch mehr, wie uns Rosilia mit strahlenden Augen erzählt. Inzwischen hätten einzelne angefangen, Gelerntes weiterzugeben und das Evangelium ganz freimütig anderen mitzuteilen. Selbst auf Besucher gingen Mädchen zu, um für sie zu beten. „Den Inspektoren der Regierung, die hier Visitation machen, kommen regelmäßig die Tränen, weil die Mädchen ihnen von Jesus erzählen oder einfach für sie beten wollen.“

Als wir das Zentrum verlassen, versichern wir Rosilia, das Zentrum auch weiterhin mit Bibeln und Schulungsheften zu unterstützen. Uns ist unsere Verantwortung für das ‚Centro el Recobro‘ sehr wohl bewusst. Und im Gehen haben wir die Worte Rosilias im Ohr: „Es war immer unser Anliegen, dass auch geistig Behinderte Jesus finden können. Und genau das passiert nun.“

Jetzt spenden